«Die Welt ist in einer enormen Umbruchsphase»

Zeitgeschehen im Fokus Wir haben im Iran wieder einmal medial aufbereitete Unruhen, die im Westen vor allem als Kampf der «unterdrückten Frauen» gegen die Regierung analysiert werden, aber wohl einen anderen Hintergrund haben. Können Sie dazu etwas sagen?

Karin Leukefeld Wenn wir über diese Frage sprechen, dann möchte ich vorausschicken, dass wir sehr wenig über dieses Land wissen. Das hängt unter anderem auch damit zusammen, dass der Iran seit der Islamischen Revolution vom Westen als Feindesland betrachtet wird. Vor dieser Zeit war der Iran unter der Regierung des Schahs ein Verbündeter der USA. Im «Westen» wissen die Menschen nicht sehr viel über dieses Land. Man bezeichnet die Regierung als «Extremisten» und seit dem Irakkrieg der USA 2003 als «Expansionisten». Dazu zählt man auch das Verhalten im Syrienkrieg an der Seite der syrischen Armee. Aber was gesellschaftlich innerhalb des Landes geschieht, darüber wissen wir sehr wenig. Was wir in den letzten Jahren sehen, ist die Folge von 9/11. Dazu muss man sich nochmals vor Augen halten, was der ehemalige US-General, Wesley Clark, berichtete, nämlich dass man nach den Anschlägen im Pentagon überlegt hatte, welche Länder man aus den Angeln heben soll: Der Iran gehörte auch dazu.

Das Interview erschien bei Zeitgeschehen im Fokus: https://zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-21-vom-30-november-2022.html#article_1439

 

Dialog mit Nachbarn – Von Schönen Worten und der Realität Europäischer Nachbarschaftspolitik am Beispiel Syrien

2010 sollte auf Wunsch der EU ein „Mittelmeerdialog“ die EU-Mitgliedsstaaten mit den Ländern rund ums Mittelmeer zusammenbringen, Partnerschaftsabkommen wurden vereinbart. Doch schon bald herrschte Krieg in Syrien. Im Bündnis mit der Türkei, den USA, Israel und einigen Golfstaaten unterstützte die EU Aufständische gegen die Regierung in Damaskus, mit der sie eben noch verhandelt hatte. Heute blockiert die EU nicht nur die Rückkehr von Flüchtlingen in ihre syrische Heimat, sie duldet die anhaltende Besatzung und Plünderung der syrischen Rohstoffe Öl, Weizen, Baumwolle  und Wasser und weigert sich, Sanktionen gegen Syrien aufzuheben. Das aber ist notwendig, damit das Land nach dem Krieg wieder auf die Beine kommen kann.

Was steckt hinter der „Nachbarschaftspolitik“, mit der die EU enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit, Stabilität, Wohlstand und Sicherheit an den EU-Außengrenzen versprach? Am Beispiel Syriens, dem sogenannten Nahostkonflikt und der MENA-Region wird gezeigt, wie schöne Worte den Kern von Politik verschleiern. Die Verschmelzung von EU und NATO führen auch zu einem immer engeren Medien- und Meinungskorridor über die politische, wirtschaftliche und militärische Eskalation in und um Europa. Das schwächt Kritik und Analyse und richtet den Blick auf immer neue „Bösewichte“, gegen die es angeblich zu Felde zu ziehen gilt. Die Reglementierung der Medien verschärft sich.

Der Vortrag am 25.11.2022 im EineWeltHaus München wurde von Gerhard Hallermayer (gh-film) aufgezeichnet und als Video veröffentlicht. Vielen Dank dafür. Er ist hier abrufbar:  https://youtu.be/mynfuMzPLNk

Syrien: Auswirkungen der einseitigen westlichen Wirtschaftssanktionen auf die Pistazienbauern in Morek

Der Sommer in Syrien ist außergewöhnlich heiß in diesem Jahr. Es geht auf den Herbst zu, doch die Temperaturen sind noch über 40 Grad. Im vergangenen Winter gab es nur wenig Schnee. Obwohl es viel regnete und die Wasserreservoirs und Brunnen im Frühsommer gut gefüllt waren, liegt über dem Land eine große Trockenheit. Die Bauern stellen sich auf eine geringere Ernte als im Vorjahr ein. Neben der Wasserknappheit wird ihre Arbeit durch den Mangel an Düngemitteln, an Treibstoff und Ersatzteilen erschwert, die für die vielen zerstörten Maschinen und Verarbeitungsanlagen gebraucht werden.

Nach mehr als zehn Jahren Krieg, leidend unter der Belagerung des reichen Europas, das seit 2011 einseitige wirtschaftliche Strafmaßnahmen gegen Syrien verhängt hat, unter der Besatzung der Türkei und der US-Armee, völkerrechtswidrig dem Beschuss Israels und dem Diebstahl landeseigener Ressourcen ausgesetzt, ist das reiche Agrarland Syrien in schlechtem Zustand. Solange international und regional der politische Wille fehlt, dem Land wieder auf die Beine zu helfen, ist der Spielraum innerhalb Syriens gering, den Menschen gesellschaftliche Perspektiven zu bieten. Während die einen versuchen, Syrien zu verlassen, andere für Hilfspakete in Lagern Schlange stehen, wieder andere ihr Leben riskieren, um über das Mittelmeer Richtung Europa zu gelangen, nehmen viele Syrer die Herausforderung der schwierigen Lage an, um für sich und ihre Familien das Leben zu meistern. Zu diesen gehören die Pistazienbauern in Morek.

Die Reportage erschien am 29.10..2022 auf der schweizerischen Webseite Globalbridge.ch: https://globalbridge.ch/so-leiden-in-syrien-die-menschen-unter-den-westlichen-sanktionen/

Arabischer Gipfel in Algier – Kooperation mit Dissonanzen

In Algier findet am 1./2. November 2022 das 31. Gipfeltreffen der Arabischen Liga statt. Die Versammlung wurde seit 2020 wiederholt wegen der COVID-19 Restriktionen verschoben. Zahlreiche Emire, Könige und Regierungschefs haben ihre Teilnahme zugesagt, nicht dabei sein wird der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman (MBS), dem sein Arzt aus gesundheitlichen Gründen von einer Teilnahme abgeraten hat. Stattdessen wird Außenminister Faisal bin Farhan Al Saud in Algier Saudi-Arabien vertreten. Aus Katar kommt Emir Tamim bin Hamad Al Thani, aus den Vereinigten
Arabischen Emiraten wird Ministerpräsident Mohammed bin Rashid Al Maktoum in Algier erwartet. Auch der jordanische König Abdullah bin Al Hussein wird nach
Algier reisen, ebenso der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde
Mahmud Abbas. Ob und wenn ja welche Vertreter aus dem umkämpften Libyen teilnehmen werden, ist nicht bekannt.

Der Artikel über das Treffen der Arabischen Ligan mit Hintergrund erschien am 29.10.2022 in der Zeitung vum Laetzebuerge Vollek (ZLV) in Luxemburg: zlv_221029_Kooperation_und_Dissonanzen

Karish und Qana – Gasfelder schüren Grenzdisput im Nahen Osten (Teil 1 + 2)

In eigener Sache: 
Als freie Journalistin arbeite ich seit 2000 im Nahen und Mittleren Osten. Ich biete verschiedenen deutsch- und gelegentlich auch englischsprachigen Medien in Deutschland, Schweiz, Österreich und Luxemburg Reportagen, Berichte und Interviews an, wie dieser Webseite zu entnehmen ist. Seit einigen Jahren wurden Texte von mir auch in russischen Medien veröffentlicht. Ende September 2021 sperrte der US-Konzern YouTube die Ausstrahlung von zwei Kanälen des Senders RT Deutsch. https://www.nachdenkseiten.de/?p=76621 Anfang März 2022 wurden von der EU russische Medien für die gesamte EU verboten. Da meine – und viele andere – journalistische Beiträge in den betroffenen russischen Medien in Deutschland nicht mehr abrufbar sind, veröffentliche ich meine Texte auf meiner Webseite.

Karish und Qana – Gasfelder schüren Grenzdisput im Nahen Osten (Teil 1 + 2)

Der Libanon und Israel haben sich grundsätzlich auf die Markierung ihrer jeweiligen exklusiven maritimen Wirtschaftszonen und die Nutzung der dort liegenden Gasfelder Karish und Qana geeinigt. Nun müssen die politischen Gremien der Länder zustimmen. Als Nächstes muss die US-Administration, die den Vermittler bei den Verhandlungen stellte, die Vereinbarung bestätigen. Anschließend gehen die Dokumente an die UNIFIL-Mission im Libanon, wo sie von allen Seiten unterzeichnet werden sollen.

Mehr als 10 Jahre schlummerten die Gasvorkommen vor der libanesischen Küste, Verhandlungen blieben erfolglos. Dass es nun so schnell ging, liegt daran, dass die USA für Europa das Gas aus dem östlichen Mittelmeer brauchen, damit die europäischen Länder ihren Wirtschaftskrieg gegen Russland fortsetzen.

Der Hintergrundtext erschien in zwei Teilen am 15./16.10.2022 und kann hier gelesen werden: 221015-16 RT DE Karish und Qana – Gasfelder schüren Grenzdisput im östlichen Mittelmeer

Krieg oder friedliche Entwicklung?

Während der öffentliche Blick aus den europäischen Ländern fast ausschließlich auf das Geschehen in der Ukraine gerichtet ist, geht das große Spiel um Einfluss und Kontrolle im Nahen und Mittleren Osten weiter. Trotz zahlreicher Gelegenheiten der Entspannung, ist eine friedliche Entwicklung nicht absehbar. Jüngstes Beispiel ist das Scheitern der Waffenstillstandsverhandlungen im Jemen. Nach einer sechsmonatigen Waffenruhe werden die Kämpfe fortgesetzt.

Der Text über Die aktuelle Lage im Nahen und Mittleren Osten erschien in der Zeitschrift INTERNATIONAL (Wien), Ausgabe 5/2022: International_5_2022 Leukefeld

Damit Aleppo wieder leuchtet

Das öffentliche Unternehmen für die Stromerzeugung von Aleppo, PCEPGA, liegt knapp 25 Kilometer östlich von Aleppo an der Autobahn M5, die das nordsyrische Industriezentrum mit der syrisch-irakischen Grenze und Mossul im Nordirak verbindet. Mit fünf Schornsteinen, fünf Turbinen, fünf Kühltürmen, sechs Tanks für Schweröl, zwei Tanks für Gasöl und einem großen Umspannwerk, von wo der Strom in allen Richtungen der Provinz von Aleppo verteilt wird, ist die Anlage das größte Elektrizitätswerk Syriens. 1100 Megawatt Strom wurden hier vor dem Krieg erzeugt, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Dann begann der Krieg.

Die Reportage über das Kraftwerk in Aleppo erschien am 05.10.2022 in der Berliner Tageszeitung Neues Deutschland/nd.DerTag: und kann hier gelesen werden: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167413.syrien-damit-aleppo-wieder-leuchtet.html

… und wer kümmert sich um die Katastrophe im Libanon?

Sieben Jahre ist es her, dass Anfang September 2015 das Bild eines kleinen Jungen am Strand des türkischen Badeortes Bodrum um die Welt ging. Der zweijährige Alan Kurdi war ertrunken bei dem Versuch, mit seinen Eltern und seinem fünfjährigen Bruder auf einem Flüchtlingsboot die griechische Insel Kos zu erreichen. Auch sein Bruder und seine Mutter kamen ums Leben. Nur der Vater überlebte. Das Bild des Jungen wurde bald zum Symbol des Syrienkrieges, denn die Familie von Alan Kurdi war vor dem Krieg in Syrien geflohen. Heute machen die Toten im Mittelmeer und vor der Küste des Libanon und Syriens kaum noch Schlagzeilen.

Der Text über die Toten im östlichen Mittelmeer erschien am 26. September 2022 im Schweizer Informationsportal Global Bridge: https://globalbridge.ch/und-wer-kuemmert-sich-um-die-katastrophe-im-libanon/.

Auf dem Rücken der Palästinenser

Bundeskanzler Scholz will eine engere militärische Zusammenarbeit mit Israel.  Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will israelisches Gas. Bundesgesundheitsminister Lauterbach will die engere medizinische Zusammenarbeit „für zukünftige Pandemien“ und Bundesjugendministerin Lisa Paus hat mit ihrer israelischen Amtskollegin eine Absichtserklärung zur Gründung eines Deutsch-Israelischen Jugendwerks unterzeichnet. Warum? Soll die Interims-Regierung von Jair Lapid gegen eine Neuwahl von Netanyahu gestärkt werden? Will man Israel besänftigen, damit es das Atomabkommen mit dem Iran nicht weiter torpediert? Soll Israel einer Seegrenze mit dem Libanon zustimmen, damit die EU schnell mehr Gas aus dem östlichen Mittelmeer bekommt?

Der Text erschien zum Besuch des israelischen Interims-Ministerpräsidenten Jair Lapid in Berlin bei Bundeskanzler Olaf Scholz bei den Nachdenkseiten: https://www.nachdenkseiten.de/?p=88084

Wir haben unser eigenes Haus zerstört – Neuanfang zwischen Skepsis und Hoffnung

In der nordwestsyrischen Provinz Idlib hat in der Stadt Khan Sheichun ein Schlichtungszentrum eröffnet. Politische und bewaffnete Regierungsgegner sowie Wehrdienstflüchtige können hier eine Schlichtung beantragen, um mit ihren Familien in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Khan Scheichun ist eine von Landwirtschaft und Transport geprägte Stadt. Ihre Lage an einer alten Handelsroute, die den Süden der arabischen Halbinsel, Palästina und das ehemalige osmanischen Reich mit Europa verband, machte die Stadt zu einem Rast- und Handelsplatz. »Khan« bedeutet Herberge. Vor dem Krieg in Syrien, der 2011 begann, passierten täglich mehr als 1.000 Lastwagen aus der Türkei den Ort und transportierten über die Autobahn M 1 ihre Ladung in den Libanon, nach Jordanien oder in die arabischen Golfstaaten. Zurück brachten sie Waren aus den jeweiligen Ländern in die Türkei. 2012 wurde Khan Scheichun zu einem Zentrum bewaffneter Regierungsgegner, die Zivilbevölkerung floh in alle Richtungen. Seit 2019 herrscht ein Waffenstillstand.

Der Beitrag erschien am 10.09.2022 in der Luxemburger Zeitung Vum Laetzebuerger Vollek: zlv 220910 Syrien Wir haben unser eigenes Haus zerstört