{"id":371,"date":"2017-05-02T13:06:45","date_gmt":"2017-05-02T12:06:45","guid":{"rendered":"http:\/\/leukefeld.net\/?p=371"},"modified":"2018-10-03T22:48:06","modified_gmt":"2018-10-03T21:48:06","slug":"von-aleppo-nach-manbidsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/leukefeld.net\/?p=371","title":{"rendered":"Von Aleppo nach Manbidsch"},"content":{"rendered":"<p><strong>80 Kilometer durch das vom Krieg zerst\u00f6rte Syrien: \u00bbWillkommen in Ihrer zweiten Heimat\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein sonniger Fr\u00fchlingsmorgen, als wir uns auf den Weg nach Manbidsch machen. Die Stadt liegt etwa 80 Kilometer \u00f6stlich von Aleppo und war vor dem Krieg eines der Zentren der Land- und Viehwirtschaft in Syrien. Etwa 900.000 Menschen lebten in der Stadt und im Landkreis \u2013 Araber, Tscherkessen, Turkmenen und Kurden. Das Wasser des Euphrat und die N\u00e4he zu Dscharabulus, einer Grenzstadt zur T\u00fcrkei, belebten den Handel in der Region.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie die in vielen l\u00e4ndlichen Gebieten Syriens folgten auch die Bewohner der Region um Manbidsch einer eigenen Zeitrechnung. Die Bev\u00f6lkerung ist konservativ gepr\u00e4gt, gro\u00dfe Familien, mangelnde Bildung. Das Wort des Imams gilt den Menschen mehr als das der Provinzverwaltung in Aleppo oder gar der Regierung im fernen Damaskus.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher dauerte die Fahrt nach Manbidsch \u00fcber die Schnellstra\u00dfe via Al-Bab rund 45 Minuten. Doch Al-Bab ist von t\u00fcrkischen Truppen und bewaffneten Gruppen besetzt. Also folgen wir auf der Autobahn in Richtung Rakka einem Fahrzeug der Sondereinsatzkr\u00e4fte von Aleppo. Drei Soldaten begleiten uns \u00bbbis zum letzten Kontrollpunkt vor der Stadt\u00ab, hatte das verantwortliche Milit\u00e4rkommando von Aleppo mitgeteilt. \u00bbAb dann wird sich der Milit\u00e4rrat von Manbidsch um Sie k\u00fcmmern.\u00ab<\/p>\n<p>Die Kampfspuren rechts und links der Stra\u00dfe sind un\u00fcbersehbar. Die meisten D\u00f6rfer sind menschenleer. Nur ab und zu leuchtet W\u00e4sche auf den D\u00e4chern, ein Zeichen, dass hier noch Menschen leben. Ein gro\u00dfes Elektrizit\u00e4tswerk liegt etwa 15 Kilometer \u00f6stlich von Aleppo. Den T\u00fcrmen und Geb\u00e4uden sind die Besch\u00e4digungen anzusehen. Es hei\u00dft, China unterst\u00fctze die Reparatur der Anlage. Die gro\u00dfen \u00d6ltanks sind fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Ob daf\u00fcr Raketen der Aufst\u00e4ndischen oder Angriffe der US-Luftwaffe verantwortlich waren, ist unklar. Eine Autobahnbr\u00fccke ist zerbombt, also wird der Verkehr durch ein Dorf und \u00fcber eine Sandpiste entlang eines Bew\u00e4sserungskanals umgeleitet. Reisebusse und hoch beladene Lastwagen schaukeln waghalsig an dem Kanal entlang, der in eine gro\u00dfe Staubwolke geh\u00fcllt ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-373 size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Wegweiser-zur-Luftwaffenbasis-Al-Quweiris-\u00f6stlich-von-Aleppo.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Wegweiser-zur-Luftwaffenbasis-Al-Quweiris-\u00f6stlich-von-Aleppo.jpg 1024w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Wegweiser-zur-Luftwaffenbasis-Al-Quweiris-\u00f6stlich-von-Aleppo-200x150.jpg 200w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Wegweiser-zur-Luftwaffenbasis-Al-Quweiris-\u00f6stlich-von-Aleppo-768x576.jpg 768w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Wegweiser-zur-Luftwaffenbasis-Al-Quweiris-\u00f6stlich-von-Aleppo-600x450.jpg 600w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Wegweiser-zur-Luftwaffenbasis-Al-Quweiris-\u00f6stlich-von-Aleppo-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p>Kurz vor der Luftwaffenbasis Kuwairis Scharki biegt die vorausfahrende Milit\u00e4rbegleitung von der Autobahn in Richtung Norden ab und f\u00e4hrt entlang einer schmalen Landstra\u00dfe um den Flughafen herum. Vier Jahre lang war der St\u00fctzpunkt belagert worden, bevor ihn die syrische Armee mit Hilfe ihrer Verb\u00fcndeten Russland, Iran und Hisbollah aus dem Libanon Ende 2015 wieder freik\u00e4mpfen konnte. Gro\u00dfe Schlagl\u00f6cher tun sich auf, streckenweise ist die Asphaltdecke tief zerfurcht und unbefahrbar. Es sieht aus, als sei eine gigantische Egge hindurchgezogen worden, um niemanden passieren zu lassen. Die Fahrzeuge \u2013 Reisebusse, Lastwagen, Taxis, Minibusse, Motorr\u00e4der \u2013 weichen auf die Felder aus. Einen Wagen hier auf allen Reifen zu halten erfordert gro\u00dfes Geschick.<\/p>\n<p>Kilometerlang f\u00fchrt der Weg durch verlassene D\u00f6rfer. Die schweren Zerst\u00f6rungen weisen auf heftige K\u00e4mpfe hin. Das saftige Fr\u00fchlingsgr\u00fcn von B\u00e4umen und B\u00fcschen, bunte Blumenmeere, Weinst\u00f6cke und Olivenhaine stehen in einem scharfen Kontrast dazu. Die einzigen sichtbaren Menschen sind Hirten, die ihre Schaf- und Ziegenherden \u00fcber die weiten gr\u00fcnen Fl\u00e4chen f\u00fchren, und Soldaten der syrischen Armee, die ihre Kontrollpunkte mit syrischen, russischen und \u00f6rtlichen Stammesfahnen und Blumen geschm\u00fcckt haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-372 size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Empty-villages-enroute-from-Aleppo-to-Manbij-02.jpg\" alt=\"\" width=\"2848\" height=\"2136\" srcset=\"https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Empty-villages-enroute-from-Aleppo-to-Manbij-02.jpg 2848w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Empty-villages-enroute-from-Aleppo-to-Manbij-02-200x150.jpg 200w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Empty-villages-enroute-from-Aleppo-to-Manbij-02-768x576.jpg 768w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Empty-villages-enroute-from-Aleppo-to-Manbij-02-600x450.jpg 600w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/170419-Empty-villages-enroute-from-Aleppo-to-Manbij-02-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 2848px) 100vw, 2848px\" \/><\/p>\n<p>\u00bbNach Manbidsch wollen Sie? Herzlich willkommen\u00ab, sagt ein Offizier, als er durch das Fenster blickt. Dann reicht er uns zwei Dosen mit k\u00f6stlichem Saft: \u00bbWillkommen in Ihrer zweiten Heimat\u00ab, l\u00e4chelt er und weist Richtung Osten, wo ein provisorisches Ortsschild aufgestellt ist. \u00bbDa geht es lang, wenn Sie nicht zu den T\u00fcrken nach Al-Bab wollen. Gute Fahrt!\u00ab Irgendwann setzt die syrische Mobilverbindung aus und wird kurz darauf durch \u00bbEulux\u00ab, ein Netz unbekannter Herkunft, ersetzt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-586 size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/170419-To-Manbij-right-To-Aleppo-left-Crossing-between-Aleppo-and-Manbij-04.jpg\" alt=\"\" width=\"2848\" height=\"2136\" srcset=\"https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/170419-To-Manbij-right-To-Aleppo-left-Crossing-between-Aleppo-and-Manbij-04.jpg 2848w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/170419-To-Manbij-right-To-Aleppo-left-Crossing-between-Aleppo-and-Manbij-04-200x150.jpg 200w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/170419-To-Manbij-right-To-Aleppo-left-Crossing-between-Aleppo-and-Manbij-04-768x576.jpg 768w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/170419-To-Manbij-right-To-Aleppo-left-Crossing-between-Aleppo-and-Manbij-04-600x450.jpg 600w, https:\/\/leukefeld.net\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/170419-To-Manbij-right-To-Aleppo-left-Crossing-between-Aleppo-and-Manbij-04-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 2848px) 100vw, 2848px\" \/>Zwei Stunden sp\u00e4ter biegt unser Begleitfahrzeug an einem belebten Kontrollpunkt ab und h\u00e4lt. Hier werden wir \u00bban die andere Seite\u00ab \u00fcbergeben, sagt der Soldat und l\u00e4chelt uns aufmunternd zu, bevor er den Wagen wendet und wieder zur\u00fcckf\u00e4hrt. Ein gro\u00dfer, st\u00e4mmiger Mann in Uniform fordert uns auf, ihm zu folgen. Die Stra\u00dfe ist verstopft mit \u00d6ltanklastwagen, die sich, wie aus dem Nichts kommend, in beiden Richtungen durch den Kontrollpunkt schl\u00e4ngeln. Der wuchtige Uniformierte rast hupend in seinem Toyota-Pick-up vor uns her. M\u00e4nner winken die Lastwagen zur Seite, damit der \u00bbVIP-Transport\u00ab passieren kann. Wenig sp\u00e4ter fahren wir auf einen St\u00fctzpunkt, \u00fcber dem die russische Fahne und die Fahne des Milit\u00e4rrates von Manbidsch wehen. Die russischen Soldaten blicken nur kurz her\u00fcber, als wir aus dem Wagen steigen. Dann werden wir von bewaffneten M\u00e4nnern in einen Raum gebeten. \u00bbHerzlich willkommen beim Milit\u00e4rrat von Manbidsch\u00ab, sagt ein junger Mann, der sich als Ahmed vorstellt. \u00bbWie lange m\u00f6chten Sie bleiben?\u00ab<\/p>\n<p><strong>Knotenpunkt Manbidsch<\/strong><\/p>\n<p>Manbidsch ist ein Knotenpunkt f\u00fcr den von der Mafia kontrollierten \u00d6lhandel in Syrien. Wie der Vorsitzende des Milit\u00e4rrates von Manbidsch, Adnan Abu Amdschad, im Gespr\u00e4ch mit\u00a0junge Welt erkl\u00e4rt, kommen die Fahrzeuge leer und fahren zu den im Nordosten des Landes gelegenen \u00d6lfeldern. Dort werden sie beladen und bringen das \u00d6l \u00fcber Manbidsch nach Homs in die gr\u00f6\u00dfte syrische Raffinerie. Es gebe eine Vereinbarung mit der syrischen Regierung \u00fcber den Abtransport des \u00d6ls von Hasaka und anderen \u00d6lfeldern. \u00bbWir m\u00fcssen den Menschen geben, was wir haben\u00ab, so Abu Amdschad, \u00bbund das \u00d6l geh\u00f6rt dem syrischen Volk, also haben wir die Vereinbarung, es sicher durch unser Gebiet abzutransportieren.\u00ab<\/p>\n<p>Befragt zu dieser Vereinbarung, erl\u00e4uterte ein Gespr\u00e4chspartner in Aleppo, der namentlich nicht genannt werden m\u00f6chte, dass es keine direkte Vereinbarung zwischen dem Milit\u00e4rrat von Manbidsch und der syrischen Regierung gebe. \u00bbEs ist eine gro\u00dfe \u00d6lmafia, die dort Gesch\u00e4fte macht.\u00ab Das \u00d6l komme aus den Gebieten, die unter der Kontrolle der Dschihadistenmiliz \u00bbIslamischer Staat\u00ab (IS) oder der Kurden stehen, und werde an Mittelsm\u00e4nner ver\u00e4u\u00dfert. Die wiederum verkauften es an einen reichen Gesch\u00e4ftsmann aus Rakka, der es wiederum \u00fcber Mittelsm\u00e4nner an die staatliche Raffinerie in Homs liefere.<\/p>\n<p>\u00bbDie syrische Regierung kauft \u00d6l vom IS\u00ab, werfen syrische Oppositionelle im Ausland deshalb Damaskus vor.<\/p>\n<p>\u00bbDas ist falsch\u00ab, betont der Gespr\u00e4chspartner in Aleppo. Es sei eine Mafia, die daran verdiene, dass die gesamte Infrastruktur der syrischen \u00d6lindustrie \u2013 Pipelines, F\u00f6rderanlagen \u2013 von bewaffneten Gruppen besetzt oder von ihnen zerst\u00f6rt worden sei. Die Regierung sei deshalb gezwungen, das eigene \u00d6l zu kaufen, zumal die EU-Sanktionen den Einkauf von \u00d6l auf dem internationalen Markt fast unm\u00f6glich machten. (kl)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>80 Kilometer durch das vom Krieg zerst\u00f6rte Syrien: \u00bbWillkommen in Ihrer zweiten Heimat\u00ab Es ist ein sonniger Fr\u00fchlingsmorgen, als wir uns auf den Weg nach Manbidsch machen. 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