{"id":364,"date":"2017-07-14T10:28:28","date_gmt":"2017-07-14T09:28:28","guid":{"rendered":"http:\/\/leukefeld.net\/?p=364"},"modified":"2017-08-10T10:37:47","modified_gmt":"2017-08-10T09:37:47","slug":"washingtons-bodentruppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/leukefeld.net\/?p=364","title":{"rendered":"Washingtons Bodentruppen"},"content":{"rendered":"<p>Wie die kurdischen Volksverteidigungskr\u00e4fte in die von den USA gestellte Falle getappt sind.<\/p>\n<p>Entgegen den bisherigen Gepflogenheiten soll an dieser Stelle einmal gestritten werden. Und zwar \u00fcber eine Angelegenheit, von der unter Linken keine Einigkeit besteht: Wie halten Sie es mit der kurdischen Sache in Syrien? Es debattieren die beiden regelm\u00e4\u00dfigen jW-Autoren Karin Leukefeld und Nick Brauns, die in dieser Frage kontroverse Positionen einnehmen. Die Thema-Redaktion beh\u00e4lt sich vor, solche Debatten zu bestimmten Themen in Zukunft h\u00e4ufiger abzubilden. (jW)<\/p>\n<p><!--more-->In Syrien gibt es rund ein Dutzend verschiedener kurdischer Organisationen. Einige halten es mit der nordirakischen Kurdischen Demokratischen Partei (KDP), andere mit der \u00bbNationalen Koalition oppositioneller und revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte in Syrien\u00ab (Etilaf, Sitz in Istanbul). Wieder andere sehen sich eher als Jesiden, kurdische St\u00e4mme verfolgen ihre Interessen mal im B\u00fcndnis mit diesen, mal mit jenen Machthabern. Kurden organisieren sich auch in anderen Parteien. Besonders in den verschiedenen kommunistischen Parteien sind Kurden stark vertreten, ethnische oder religi\u00f6se Orientierung spielt dort keine Rolle.<\/p>\n<p>Die st\u00e4rkste politische und milit\u00e4rische Organisation unter den syrischen Kurden ist die Partei der Demokratischen Union (PYD) mit den von ihr gegr\u00fcndeten Volksverteidigungskr\u00e4ften f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen (YPG\/YPJ). Beide haben ihre Wurzeln in der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).<\/p>\n<p>Die PKK mit ihrem Vorsitzenden Abdullah \u00d6calan hatte zwischen 1979 und 1998 in Syrien einen sicheren Aufenthaltsort. Das gleiche galt f\u00fcr die irakischen Kurdenparteien KDP und PUK (Patriotische Union Kurdistans). In der Mahsum-Korkmas-Akademie in der libanesischen Bekaa-Ebene unterhielt die PKK \u2013 unter dem Schutz Syriens \u2013 ein Ausbildungscamp. PKK-K\u00e4mpfer wurden von dort durch Syrien und den Nordirak in die T\u00fcrkei geschleust. Wie f\u00fcr alle Parteien in Syrien galt auch f\u00fcr die PKK eine rote Linie: Politische Propaganda zugunsten einer kurdischen Nationalbewegung in Syrien war ihr untersagt. Unter Hafes Al-Assad war eine politische Organisierung auf der Grundlage religi\u00f6ser oder ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit verboten.<\/p>\n<p>Angesichts der vielf\u00e4ltigen kurdischen Pr\u00e4senz in Syrien w\u00e4re es falsch zu behaupten, \u00bbdie Kurden\u00ab in Syrien h\u00e4tten sich in den letzten Jahren zum \u00bbHelfershelfer Washingtons\u00ab gemacht. Richtig ist allerdings, dass PYD und YPG\/YPJ 2014 eine Vereinbarung mit der US-gef\u00fchrten \u00bbAnti-IS-Allianz\u00ab und (sp\u00e4ter) mit den \u00bbSyrischen Demokratischen Streitkr\u00e4ften\u00ab (SDF) getroffen haben.<\/p>\n<p>Offiziell hei\u00dft es, man k\u00e4mpfe gegen den Terror des \u00bbIslamischen Staates\u00ab und nicht gegen die syrische Regierung. Das wirft die Frage auf, warum dieser Kampf nicht gemeinsam mit der syrischen Armee und ihren Verb\u00fcndeten (Russland, Iran, Hisbollah) gef\u00fchrt wird. Was macht die US-gef\u00fchrte \u00bbAnti-IS-Allianz\u00ab f\u00fcr SDK, YPG\/YPJ und PYD so viel attraktiver als eine Kooperation mit dem syrischen Regierungsb\u00fcndnis? Die genannten Einheiten erkl\u00e4ren, die von ihnen kontrollierten Gebiete \u00f6stlich des Euphrats (Rojava), die reich an Rohstoffen wie \u00d6l, Gas und Wasser sind, zudem fruchtbares Ackerland bieten, auf dem unter anderem Baumwolle gepflanzt wird, seien ein Teil Syriens und sollen nicht abgespalten werden. W\u00e4re es dann aber nicht logisch und politisch richtig, mit der legitimen F\u00fchrung des Landes zu kooperieren, an dessen Erhalt man interessiert zu sein vorgibt? Und zwar unter der Pr\u00e4misse, eine politische Neuordnung Syriens nach einer endg\u00fcltigen Niederschlagung der gemeinsamen Feinde mit allen Syrern zu verhandeln? Warum geht die PYD statt dessen eine \u00bbAntiterrorallianz\u00ab mit nicht einmal benachbarten L\u00e4ndern ein? Vieles deutet darauf hin, dass die Partei in eine strategische Falle geraten ist.<\/p>\n<p>Wie ist das geschehen? Ein R\u00fcckblick. Im M\u00e4rz\/April 2011 lehnt die PYD den bewaffneten Aufstand gegen die Regierung in Damaskus ab und bildet ein B\u00fcndnis mit anderen syrischen oppositionellen Parteien im Nationalen Koordinationskomitee f\u00fcr demokratischen Wandel (NCC). Gespr\u00e4chsangebote des syrischen Pr\u00e4sidenten Assad an alle kurdischen Organisationen in Syrien werden von der PYD zun\u00e4chst angenommen, dann aber \u2013 vermutlich unter dem Druck anderer kurdischer Gruppierungen, der nordirakischen Autonomieregierung und Beratern aus dem Ausland \u2013 abgelehnt.<\/p>\n<p>Ende 2012, Anfang 2013 zieht sich die Syrische Armee unter dem Druck der T\u00fcrkei und angesichts der Stationierung von NATO-Patriot-Raketenabwehrsystemen aus dem n\u00f6rdlichen Grenzgebiet zur\u00fcck, h\u00e4lt aber noch den strategisch wichtigen Ort Kamischli. Der PYD liefert sie Waffen f\u00fcr deren Kampf gegen die T\u00fcrkei und die \u00bbFreie Syrische Armee\u00ab (FSA), die von der Muslimbruderschaft dominiert wird. Bei den milit\u00e4rischen Eskalationen zu jener Zeit d\u00fcrfen Feindseligkeiten und Konkurrenz unter den verschiedenen kurdischen Organisationen in Syrien nicht untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Im Januar 2014 teilen die PYD bzw. die YPG\/YPJ das Gebiet unter ihrer Kontrolle in drei Kantone auf (Dschasira, Kobani, Afrin) und bauen dort Selbstverwaltungsstrukturen auf. Der Konflikt mit der T\u00fcrkei, mit der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak, mit diversen bewaffneten Gruppen, mit anderen (kurdischen) Organisationen und lokalen St\u00e4mmen spitzt sich zu.<\/p>\n<p>Im September 2014 greift der \u00bbIslamische Staat\u00ab (IS), der u.\u2009a. mit der T\u00fcrkei kooperiert, Ain Al-Arab (Kobani) an. Mehr als 130.000 Menschen fliehen in die T\u00fcrkei und nach Aleppo, die Volksverteidigungseinheiten der PYD leisten einen verlustreichen Widerstand. Sie fordern schwere Waffen und milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung an. Von den USA ausgebildete Special Forces der nordirakischen kurdischen Peschmerga erreichen im November (aus der T\u00fcrkei kommend!) Kobani, um den \u00bbAnti-IS-Kampf\u00ab zu unterst\u00fctzen. In ihrer Begleitung befinden sich US-Berater und andere Spezialkr\u00e4fte der \u00bbAnti-IS-Allianz\u00ab. Sp\u00e4testens seit diesem Zeitpunkt beginnt die direkte Zusammenarbeit mit dem US-Milit\u00e4r, in die Spezialkr\u00e4fte anderer NATO-Mitgliedsstaaten eingebunden sind.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2016 wird die F\u00f6deration Nordsyrien (Rojava) gegr\u00fcndet. Es folgt ein De-facto-Bruch mit der Syrischen Nationalen Demokratischen Konferenz (SNDC), die aus dem syrischen oppositionellen NCC hervorgegangen ist und stets f\u00fcr die Sache der syrischen Kurden eingetreten war. Die Ausrufung einer F\u00f6deration war nicht diskutiert worden und sprengte den Rahmen der gemeinsamen Vereinbarung.<\/p>\n<p>Seitdem hat sich die Zusammenarbeit von PYD, SDK und YPG\/YPJ mit der US-Armee intensiviert. Ob gewollt oder nicht \u2013 sie sind die \u00bbBoots on the ground\u00ab, die Bodentruppen, die im US-Kongress gefordert wurden, um mehr Waffen nach Syrien zu liefern. Und Waffen kommen in gro\u00dfen Mengen. Entweder \u00fcber die Grenze aus dem kurdischen Nordirak, oder sie gelangen per Flugzeug auf eine der insgesamt neun Milit\u00e4rbasen bzw. Flugh\u00e4fen, die die USA in den von PYD, YPG\/YPJ und SDK kontrollierten Gebieten installiert haben: bei den \u00d6lfeldern von Rumeilan (1), in Hasaka (2), Kamischli (1), Al-Malikija\/Derik (2), Tel Abjad, Manbidsch (Lafarge-Zementfabrik), Kobani (Ain Al-Arab) und am Tabka-Damm.<\/p>\n<p>Best\u00e4tigt wurde das zuletzt am 5. Juli von einem YPG-Kommandeur (Siban Hamu) gegen\u00fcber der in London erscheinenden arabischen Tageszeitung Al-Schark Al-Ausat. Die aktuell wichtigste Basis liegt in der N\u00e4he von Kobani (Ain Al-Arab), wo die Landebahn f\u00fcr schwere Transportflugzeuge von US-Spezialkr\u00e4ften ausgebaut und befestigt wird, wie einem Beitrag in der diesj\u00e4hrigen Aprilausgabe von The Stars and Stripes, einer Zeitung f\u00fcr die US-Streitkr\u00e4fte, entnommen werden kann. Aktuell sind dort 1.300 Spezialkr\u00e4fte (u.\u2009a. Marines) stationiert, weitere sollen folgen. Nach dem V\u00f6lkerrecht handelt es sich dabei um die Besetzung eines souver\u00e4nen Staates.<\/p>\n<p>Angesichts der realen Machtverh\u00e4ltnisse in der Region wird diese Allianz zu weiterem Blutvergie\u00dfen f\u00fchren. Nicht nur PKK und PYD wollen Positionen ausbauen und ihren Einfluss st\u00e4rken, auch die nordirakische Autonomieregierung in Erbil strebt mit einem Referendum eine Ausweitung ihrer Macht an. Jesidische Einheiten und assyrische Christen k\u00e4mpfen um ihre historischen Siedlungsgebiete, vom Iran unterst\u00fctzte schiitische Milizen, vom Westen bewaffnete Peschmerga und die irakische Armee verfolgen wiederum ihre eigenen Interessen. Die T\u00fcrkei beschie\u00dft Afrin, das es sich einverleiben will, mit ihr verb\u00fcndete Turkmenen und arabische St\u00e4mme greifen zu den Waffen, um ihre Siedlungsgebiete zu verteidigen bzw. zu erweitern. Alle Akteure sind direkt oder indirekt eine Kooperation mit den US-Streitkr\u00e4ften eingegangen \u2013 und k\u00e4mpfen doch gegeneinander.<\/p>\n<p>Sollten die USA die Bestrebungen der PYD und der PKK f\u00fcr Autonomie und Sozialismus unterst\u00fctzen, werden sie das nicht tun, weil sie von diesen Ideen \u00fcberzeugt w\u00e4ren, sondern weil sie ihren eigenen Interessen in der Region von Nutzen sind. Der innenpolitische Konflikt, der 2011 in Syrien begann und von Anfang an von den Nachbarstaaten und deren internationalen Partnern in Europa, am Golf und in den USA befeuert wurde, sollte mit einem \u00bbRegime-Change\u00ab in Damaskus enden. Die milit\u00e4rische Intervention Russlands, des Iran und der Hisbollah auf Seiten der syrischen Regierung und Armee haben das verhindert. Nun soll der Konflikt durch Teilung \u00bbauf Eis gelegt\u00ab werden. In diesem Plan spielen PYD, YPG\/YPJ und SDF und ihr f\u00f6deralistisches Projekt \u2013 das sich de facto in einer US-Besatzungszone ereignet \u2013 eine wichtige Rolle. Ob diese Kr\u00e4fte das wollen oder nicht: Es geht um die Teilung der Region und um die Schw\u00e4chung des syrischen Staates. Teile und herrsche.<\/p>\n<p><em>Lesen Sie auch den kontroversen Beitrag: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/314422.gerechter-krieg.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gerechter Krieg <\/a>(Der rein geopolitische Blick verkennt die Dynamik des Volkskrieges in Nordsyrien) von Nick Brauns<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die kurdischen Volksverteidigungskr\u00e4fte in die von den USA gestellte Falle getappt sind. Entgegen den bisherigen Gepflogenheiten soll an dieser Stelle einmal gestritten werden. 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